Arbeiten bis in die Nacht? Firmen und Mitarbeiter haben ein Problem!

Eine ehemalige Kollegin von mir gehört zu den Menschen, die Sie zurecht als «arbeitssüchtig» bezeichnen würden. Obwohl, direkt darauf angesprochen, würde sie wahrscheinlich etwas ganz anderes behaupten. Wahrscheinlich eher als «Heldin der Arbeit» bezeichnen. Wahrscheinlich kennen Sie den Typus. Während alle anderen Mitarbeiter sich bereits zu Hause befinden, sitzt der Kollege bis spät in den Abend hinein am Schreibtisch und muss vom Wachdienst hinauskomplimentiert werden.

Als ich mit der Kollegin über ihre konkrete Arbeitssituation gesprochen habe, stellte sich einerseits eine Unzufriedenheit heraus. Zum anderen aber auch ein Anflug von Stolz. Eben darauf, mehr zu leisten, als die Kollegen. Unzufrieden war die Kollegin aber gar nicht über ihre eigene Situation, sondern mit den anderen Mitarbeitern des Unternehmens, die eben viel früher nach Hause gingen.

Egal, ob Sie selbst zu diesem Kreis der «Nachteulen» gehören, einen Kollegen haben oder jemand in Ihrem Team ähnlich arbeitet: aus Sicht des Unternehmens und auch aus der eigenen Wahrnehmung heraus, bedeutet lange zu arbeiten, zunächst nichts anderes, als dass Sie lange gearbeitet haben. Über die Qualität oder die Zielerreichung sagt die Zeit, Sie am Arbeitsplatz verbringen gar nichts aus.

Nach meiner Erfahrung sind diese Mitarbeiter engagiert, gar keine Frage. Wer freiwillig 10 und mehr Stunden an seinem Arbeitsplatz sitzt, identifiziert sich mit seiner Aufgabe und dem Unternehmen. Ob er dabei wirklich glücklich ist, steht auf einem anderen Blatt. Solche Mitarbeiter könnten deutlich mehr, in deutlich weniger Zeit, leisten.

Bleiben wir bei besagter ehemaliger Kollegin. In ihrem Arbeitstag und ihrer Methodik gab es viele Schwachstellen:

  • Nutzung falscher Werkzeuge: Wie bei einem Start-up so häufig, versucht ein Unternehmen gerade in der Aufbauphase Geld zu sparen. Die Kollegin war für einige Projekte verantwortlich. Dazu gehörte nicht nur die Planung des Einsatzes der beteiligten Personen. Das Management erwartete auch regelmäßig einen Bericht über den Fortschritt. Natürlich wäre hier ein passendes Werkzeug eine große Hilfe gewesen. Aber mit der eigenen Führungskraft einmal darüber zu sprechen, dass eine Software für das Projektmanagement angeschafft werden müsste, hat die Kollegin unterlassen. Und so wurden Gantt-Diagramme mühevoll in Excel erstellt, natürlich nicht, ohne vorher auch säuberlich die Kalenderwochen abzutragen. Ein völlig unnötiger Arbeitseinsatz.
  • Kein vernünftiger Umgang mit Störungen: Natürlich ist ein Projektleiter eine wichtige Anlaufstelle für Kollegen und wird häufig um Rat gefragt oder muss Auskünfte geben. Um sich allerdings auch die wirklich wichtigen Aufgaben konzentrieren zu können, müssen Freiräume geschaffen werden, die eine solche Konzentration auch ermöglichen. Von den Klassikern wie das Ausschalten des Mailprogramms oder das Umleiten des Telefons machte die Kollegin nie Gebrauch.
  • Leichte Ablenkbarkeit: Wollte man die Mitarbeiterin charakterisieren, wäre schnell auch der Gedanke der «kommunikativen» Persönlichkeit aufgetaucht. Für jedermann ständig ein offenes Ohr, gern Telefonat auch über den neuesten Klatsch und Tratsch des Hauses ausdehnend. Täglich ging hier ein durchaus nennenswerter Teil des Zeitbudgets verloren.
  • Unstrukturierte Arbeitsweise: Statt einer vernünftigen Ablage gab es auf dem Schreibtisch der Kollegin lediglich drei, sich bereits durchbiegende Plastikeingangskörbe. Rund um den Monitor befand sich eine ansehnliche Sammlung an Haftnotizen und weiteren Zetteln, die notfalls mit Tesafilm an der Schreibtischunterlage befestigt wurden. Und kaum war ein Telefonat beendet, war häufig ein «Ach ja» zu hören und der Kollege wurde erneut angerufen.

Wenn Sie das so lesen: Bleibt in Ihren Augen jetzt immer noch ein «Held der Arbeit» übrig? Sehen Sie! Während die strukturiert arbeitenden Mitarbeiter längst zufrieden über die erreichten Tagesziele im Feierabend waren, musste die Kollegin immer noch kämpfen. Am meisten gegen sich selbst, aber ohne das zu wissen.

Da ein solcher Raubbau an den eigenen Ressourcen nicht ewig gut geht, sollten Sie als Führungskraft unbedingt reagieren und Hilfe anbieten. Überprüfen Sie, ob der Mitarbeiter strukturiert arbeiten kann, und lassen Sie sich beim Übertragen einer Aufgabe doch einmal erklären, wie die konkreten nächsten Schritte des Mitarbeiters in Richtung Ziel sein werden. Nehmen Sie die Unordnung auf dem Schreibtisch nicht einfach hin, sondern geben Sie dezente Hinweise darauf, wie mit sinnvollen Ablagemethoden die Stapel verschwinden könnten. Betrachten Sie regelmäßig ausgedehnte Schichten nicht als besonderen Einsatz, sondern als Signal dafür, dass etwas mit der (Selbst-)Organisation nicht stimmt. Natürlich kann es immer mal vorkommen, dass eine oder zwei Stunden länger gearbeitet werden müssen. Wenn dies aber die Regel ist, läuft etwas schief.

Über Stephan Lamprecht (479 Artikel)
arbeitet als freischaffender Texter und Journalist in Ahrensburg bei Hamburg. Er schreibt Fachartikel für PR-Agenturen, Texte für Whitepaper und Internetseiten sowie Beiträge für Fachmagazine. Seit 1991 hat er mehr als 25 Fachbücher verfasst. Zu seinen Themen gehören IT, Social Media, CRM und Business-Intelligence, aber eben auch das Zeit- und Selbstmanagement. Er berät Autoren auf ihrem Weg zum Buch und unterstützt Startups und kleinere Softwareunternehmen in der Pressearbeit.

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