Tools für Autoren (1): Scrivener

Um ein durchdachtes Drehbuch, Bühnenstück oder gar einen Roman zu schreiben, sind neben Talent, Fantasie und Fleiß auch Organisationsgeschick und Übersicht gefragt. Dem Leser fallen in der Regel Unstimmigkeiten schnell auf, was das Lesevergnügen trübt und schlimmstenfalls dazu führt, dass er sich nicht weiter mit dem Werk befasst. Den Autoren bei der Organisation und Entwicklung des Stoffs und der Charaktere zu unterstützen, versprechen inzwischen zahlreiche Programme. Einen Schwerpunkt bildet dabei Software für den Mac, was angesichts des Image des «kreativen Werkzeugs» dieses Computers auch nicht verwundert. In dieser kurzen Reihe möchte ich Ihnen einige von diesen Programmen vorstellen.

Den Anfang macht Scrivener, das Sie in einer kostenlosen Demoversion ausgiebig testen können. Die Installation des, leider nur in englischer Sprache vorliegenden Programms, ist dank der DMG-Datei schnell und unkompliziert. Sobald Sie die Software starten, begrüßt Sie ein Assistenten, der Sie durch die nächsten Schritte führt.

Zunächst legen Sie fest, ob Sie ein neues Projekt öffnen oder ein bereits bestehendes öffnen wollen.
Assistent in Scrivener

Wenn Sie sich für ein neues Projekt entscheiden, definieren Sie anschließend, wo die Projektdateien auf Ihrem System gespeichert werden sollen. Zu einem Projekt zählt die Software nicht nur die Texte, die Sie später schreiben, sondern auch Materialsammlungen aller Art. Damit gelangen Sie zur eigentlichen Programmansicht. Auf der linken Seite des Fensters befindet sich eine Baumstruktur, in der Sie Material und Texte organisieren können. Wie Sie Ihre Arbeit organisieren, bleibt dabei ganz Ihnen überlassen. Haben Sie das Manuskript in mehrere Teile untergliedert, könnten Sie diese in Ordner organisieren und darunter dann die einzelnen Kapitel einfügen. Denkbar ist es aber auch, dass Sie Entwürfe und finale Texte trennen oder aber verschiedene Szenen. Scrivener zeigt sich an dieser Stelle sehr flexibel.

Das mitgelieferte englische Tutorial hilft Ihnen bei der Einarbeitung. Der rechte Bereich des Fensters wird vom eigentlichen Editor dominiert. Dort produzieren Sie Ihre Texte. Eine Formatleiste suchen Sie allerdings vergeblich. Das Aussehen des Textes ändern Sie ausschließlich über Kontextmenüs. Die Statuszeile informiert Sie dabei über den Fortschritt der Arbeit und zählt Zeichen und Wörter. Formatvorlagen kennt das Programm nicht, grundlegende Formatierungen ändern Sie in den Einstellungen der Software.
Texteditor in Scrivener

Damit Sie sich noch besser auf das Schreiben konzentrieren können, wechseln Sie direkt aus dem Programm in einen Vollbildmodus. Dieser überdeckt zuverlässig den Inhalt Ihres Desktop und wirkt elegant. Eine Menüleiste wird erst sichtbar, wenn Sie mit der Maus auf den unteren Rand des Bildschirms zeigen. Ansonsten verschwindet auch dieses Element diskret im Hintergrund. Einen externen Editor oder ein anderes Programm können Sie leider nicht für die Arbeit am Text nutzen. Allerdings stellt Ihnen die Software eine Exportfunktion zur Verfügung, mit der Sie Ihre Arbeit in den Formaten gängiger Textverarbeitungen ablegen.
Vollbildmodus in Scrivener

Während der Arbeit an einem Text stellt sich oftmals heraus, dass eine frühere Fassung oder Formulierung doch besser war. Scrivener stellt hierzu die Funktion „Snapshots“ zur Verfügung. Wie bei einem Bildschirmfoto nehmen Sie dabei einen Ausschnitt des Textes auf und können später auf diesen wieder zurückgreifen. Mit einem Mausklick kehren Sie dann wieder zur ursprünglichen Fassung zurück.

Die bisher vorgestellten Funktionen entsprechen denen einer einfachen Textverarbeitung. Jedoch bietet die Software auch konkrete Hilfen für den Autoren an. Hier sind die beiden Werkzeuge Outliner und Corkboard zu nennen. Diese Pinnwand erreichen Sie immer über einen Hauptknotenpunkt innerhalb eines Ordners. Dazu müssen Sie lediglich auf den Schalter „Corkboard“ klicken. Auf der Karteikarte notieren Sie dann wichtige Gedanken, die Sie innerhalb des Kapitels festhalten wollen. In der Materialsammlung notieren Sie auf der Karte beispielsweise Charakterzüge der Personen oder deren Verwandtschaftsverhältnisse. Auf der Pinnwand ordnen Sie bei Bedarf per Mausklick die Karten auch neu an. Damit ändert sich auch automatisch die Struktur der jeweiligen Einträge innerhalb des Ordners.
DIe Pinnwand in Scrivener

Verwandt mit dieser Darstellung ist der klassische Outliner, der eine Gliederungsansicht anbietet. Dort notieren Sie optional den Status eines Elements. So können Sie ganz leicht den Eintrag als Entwurf, frühe Fassung oder zur Überarbeitung kennzeichnen. Wie bereits angedeutet, möchte Scrivener Sie durch den gesamten Prozess der Manuskripterstellung begleiten. Deswegen können Sie etwa direkt aus der Software heraus auch Bildschirmfotos anfertigen, wenn Sie zum Beispiel etwas interessantes auf einer Internetseite gesehen haben. Oder Sie fügen über die Zwischenablage Textschnipsel und Grafiken der Materialsammlung hinzu.

In erster Linie dürfte sich die Software für die Autoren von Romanen und Erzählungen eignen. Funktionen mit denen Sie die Orte und Charaktere verwalten, um diese schnell wieder zu übernehmen, sind nicht integriert. Solche Funktionen, die von Drehbuchautoren genutzt werden, sind bisher noch nicht enthalten. Eine Lizenz für den Einzelplatz kostet 35 Euro.

Über Stephan Lamprecht (480 Artikel)
arbeitet als freischaffender Texter und Journalist in Ahrensburg bei Hamburg. Er schreibt Fachartikel für PR-Agenturen, Texte für Whitepaper und Internetseiten sowie Beiträge für Fachmagazine. Seit 1991 hat er mehr als 25 Fachbücher verfasst. Zu seinen Themen gehören IT, Social Media, CRM und Business-Intelligence, aber eben auch das Zeit- und Selbstmanagement. Er berät Autoren auf ihrem Weg zum Buch und unterstützt Startups und kleinere Softwareunternehmen in der Pressearbeit.

2 Kommentare zu Tools für Autoren (1): Scrivener

  1. Hallo Herr Lamprecht.
    Danke für die Besprechung.
    Als WIN user kann ich diess Program leider nicht nutzen.

    Jüngst habe ich einen Blick auf PAPYRUS geworfen, das es sowohl für den Mac als auch für WIN gibt. Es scheint mir sehr durchdacht, wenn auch nicht ganz leicht zu lernen sein.

    Freue mich schon darauf, wenn sie es besprechen.

    Werner

  2. Hallo, Werner,

    es kommt auch noch Software für WIN. Aber in dem Segment gibt es tatsächlich sehr viele gute und ausgereifte Programme für Mac. Papyrus finde ich sehr gut. Habe ich auch schon mal im Test gehabt. Den Test zur Vorversion findest Du unter Stephan Lamprechts Notizen.

    Beste Grüße
    Stephan

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